Barend Spier und Ellis Paraira lebten im niederländischen Badeort Scheveningen: Die Siebzehnjährigen hatten sich während der deutschen Besatzung in einander verliebt, mussten sich aber trennen, als die Nationalsozialisten im Juli 1942 mit der Deportation von Juden aus den Niederlanden begannen. Ellis‘ Familie beschloss unterzutauchen, während Barend glaubte, vorerst in Sicherheit zu sein, da er vom Jüdischen Rat beschäftigt wurde, dessen Mitarbeiter zunächst nicht deportiert wurden, weil die Besatzungsmacht den Rat zur Ausführung ihrer Anordnungen brauchte. Die Liebenden wussten, dass ein regelmäßiger Briefwechsel unter den gegebenen Umständen viel zu gefährlich war, und so versprachen sie einander, täglich Liebesbriefe in ihre Tagebücher zu schreiben und diese auszutauschen, wann immer eine Gelegenheit dazu ergeben würde.
Am 1. September gelang es Barend, sein erstes Tagebuch an Ellis zu schicken. Ungefähr zwei Monate später – er und seine Eltern waren getrennt voneinander untergetaucht – beendete er sein zweites Tagebuch und sah er sich gezwungen, kein neues zu beginnen, weil die damit verbundenen Gefahren zu groß geworden waren. Barend wurde später in Amsterdam von niederländischen Kollaborateuren denunziert und nach Auschwitz deportiert, wo er ums Leben kam.
Ellis und ihre Familie überlebten dank der ihnen von Bertha und Klaas Crum in der Nähe von Arnheim und von Heiltje und Wop Kooistra in Utrecht gewährten Zuflucht. Sie kehrte nach Scheveningen zurück und wartete an einem vor der Trennung vereinbarten Treffpunkt auf Barend. Als sie sicher war, dass er nicht zurückkehren würde, beschloss sie, Europa zu verlassen. Sie heiratete einen ihrer Befreier, Elmar Lehmann, einen deutschen Juden, der in die britische Armee eingetreten war. Barends zweites Tagebuch wurde ihr am Tag ihrer Hochzeit übergeben. Sie nahm es mit nach Palästina und bewahrte es mehr als 60 Jahre lang auf, ohne es zu öffnen. Doch im Jahr 2007 erlaubte sie ihrer Tochter Shulamith Bitran-Lehman, Barends Tagebücher und ihr eigenes ins Hebräische zu übersetzen. Daraufhin erarbeiteten sie zusammen eine kommentierte Ausgabe, die 2011 in den Niederlanden in der Sprache erschien, in der die Tagebücher verfasst worden sind.
Ellis Lehman-Cohen Paraira ist am 11. Januar 2021 in Jerusalem verstorben.


