Nachruf Bernd Kunstmann

Wir trauern und nehmen Abschied von unserem Kollegen Prof. Bernd Kunstmann

Er prägte mehr als 30 Jahre als Sprecherzieher die Ausbildung in der Abteilung Schauspiel mit, war ein beherzter Mentor für viele schauspielerische Talente und setzte sich energisch als Prorektor für die Belange der Hochschule ein.
Selbst Schauspieler seiend und diplomierter Sprechwissenschaftler unterrichtete er nicht nur an unserer Hochschule, sondern spielte und arbeitete ebenso an vielen Theatern.
Ihm war es wichtig, zu vermitteln, dass Sprache nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern handlungsbezogener Sinnträger ist.
Mit hohem Engagement setzte er sich stets für die Studierenden ein und stärkte ihnen den Rücken. Nicht nur während des Studiums, auch als Alumni konnten seine Studentinnen und Studenten sich auf ihn verlassen, begleitete und unterstützte er viele auf ihrem Weg in den Beruf.
Der große, schlanke Mann, wortgewandt wie gewitzt, der eben noch durch unsere Flure ging, um sich Vorspiele anzusehen, der Reisen und Begegnungen mit ehemaligen Studierenden plante, er wurde jäh aus dem Leben gerissen. Doch in unseren Herzen bleibt er!! Wir vermissen ihn und gedenken sein!

1. Heiko Senst
Seit Beginn meines Studiums 1990 und später in meinen Tätigkeiten als Lehr-beauftragter (2000- 2014) war mir Bernd Kunstmann prägender Lehrer, Partner und Mentor. Neben seiner fachlichen Kompetenz, war er aufmerksame Ansprechperson mit Sachverstand,  Leichtigkeit und viel Humor. Sanft, und doch nachdrücklich verstand er es, Rückhalt zu geben und zu fördern. Durch seine ehrliche Art, eigene Auffassungen mitzuteilen und auch unbequeme, dem Zeitgeist ferne Positionen einzunehmen, war er stets anregender Gesprächs- partner und wertschätzender Unterstützer. Bernd war in meiner Entwicklung zur eigenständigen Künstlerpersönlichkeit und zum Pädagogen wertvoller  Begleiter.
Ich bin ihm sehr dankbar. Ich vermisse ihn.
Prof. Heiko Senst

2. Barbara Seifert
Lieber Bernd Kunstmann,
im Herbst 1990 standen wir (ich glaube 25! Studierende) an, in der HfS Ernst Busch, das erste Studienjahr nach der Wende. Du hattest, zuerst mit Sven Schlötcke, dann später mit Wolfgang Rodler die Co-Mentorenschaft für uns übernommen. Neben dem Unterrichtsplan hatten wir so einiges zu verhandeln, die "Ossis" und die paar "Wessis". Du hast mit Deiner stillen, humorvollen und wachsamen Art den Raum gehalten, für die Dinge, die wir lostraten-im Spiel und im Umgang miteinander. 10 Jahre nach unserem Abschluss haben ein paar von uns sich bei Heiko Senst getroffen. Auch Du warst da, hast von uns allen wissen wollen wowiemitwementwicklunglerneffektlebenlebenlebenWIEGEHTESDIR? Inmitten von unserem Austausch und Getöse hast Du wachsam und lächelnd gesessen.Und immer weiter gefragt!
Jetzt, wo Du gegangen bist, sage ich nochmals: DANKE für Dein Sein! Deine bedingungslose Unterstützung.

Herzlichst Barbara Seifert (Studierende an der HfS "Ernst Busch" 1990-1994)

3. Katrin Heller
Für mich war Bernd ein Herzensmensch und wunderbarer Begleiter mit Humor und Können.
Er war ein toller Mentor und lieber Freund. Auch die wunderbaren Reisen mit unserem Stück Doctor Faustus Lights the Lights!
Ich denke an ihn und er bleibt bei uns in lieber ERinnerung und ich  werde unsere schöne Zeit nicht vergessen.
Katrin Heller

4. Peter Miklusz
N a c h r u f
“ Ich spiele dir die Klamotte”
Wir sind tief getroffen und traurig, dass du schon gehen musstest. Du wirst immer in Erinnerung sein lieber Bernd, nicht nur als unser Professor in Sprecherziehung, sondern vor allem als fürsorglicher Mensch, der du warst.
Du hattest immer ein Ohr für uns, deine Studenten und das ging weit über die schulischen Sachen hinaus. Freundschaftlich, fast väterlich hast du uns geholfen, warst Ratgeber und Zuhörer, Freund und Lehrer, Wegweiser und Unterstützer. Immer in Erinnerung wirst du vor allem sein, als “Lady Augusta Bracknell”. Es war der Moment im Studium, als du deine Rolle als Professor wieder eintauschtest, gegen die eines Schauspielers. Wir fragten dich, ob du in unserem Sommerprojekt am B.A.T Theater in Bunbury mitspielen willst und die nörgelnde und komische Tante Bracknell übernehmen möchtest. Du sagtest sofort zu und wir freuten uns sehr, denn es war ungewöhnlich, dass einer unserer Professoren sowas machte. Aber nicht für dich. Dir gefiel sowas. Mit großer Freude und Enthusiasmus hast du dich in die Rolle geworfen und uns während der Proben so zum Lachen gebracht, dass wir oft nicht über Stellen kamen und weiter probieren konnten. Wie du versucht hast manchmal die Regie doch ein wenig zu übernehmen, weil es dir vielleicht doch schwer fiel den Professor ganz abzulegen. Herrlich diskutierten wir dann und wenn du merktest, dass ich als Regisseur nicht vom Standpunkt gelassen habe, dann sagtest du wirklich liebevoll und nicht gemein: “Kein Problem, wenn du es so haben willst, spiele ich dir die Klamotte!” Wir lachten dann und ich sagte: “Ganz genau Bernd, wir spielen Klamotte!” Ob es um die vielen Schoko-Strolche ging, die du während der Proben essen musstest oder um dein langes Wimmern in einer Szene, welches dir viel zu lang vorkam. Alles hast du immer mitgemacht. Und heute, 12 Jahre später, wenn ich daran zurückdenke, muss ich immer noch herzhaft darüber lachen und gleichzeitig kommen mir die Tränen, dass du jetzt nicht mehr da bist. Legendär wirst du in unserer Erinnerung immer als herzensguter Mensch und urkomische Lady Bracknell bleiben. Abschied nehme ich nicht von dir, denn du bleibst lebendig in unseren Geschichten und Erinnerungen. Du bist nur vorausgegangen und weisst jetzt mehr als wir.
Eine schöne letzte Reise wünsche ich dir lieber Bernd.
Peter Miklusz
Student: 2007 – 2011

5. Christophe Vetter
Ich bin immer noch schockiert und traurig über das plötzliche Verscheiden von Herrn Professor Bernd Kunstmann, unserem Bernd. Ich glaube, ich spreche für alle seine ehemaligen Schüler, wenn ich sage, dass Bernd immer eine große Zärtlichkeit und Wärme für seine Studenten übrig hatte, die höchstens gelegentlich durch seinen hohen fachlichen Anspruch ein wenig strapaziert wurde. Nach jedem weiteren vergangenen Studienjahr intensiven Einzelunterrichts wurden dann in den jährlichen Kaffee und Kuchen Runden in Bernds Wohnzimmer die Anekdoten über den Unterricht ausgetauscht und die fertigen Studenten gaben den Anfängern die Klinke in die Hand.
Ich hatte von 2011-2014 bei Bernd Sprecherziehung und ich erinnere mich eigentlich hauptsächlich noch an die ersten 5-35 min unseres Unterrichts, als wir uns so lange unterhielten bis es nichts mehr Interessantes zu sagen gab und wir nicht umhin konnten den Unterricht zu beginnen.
Während wir gerne ausführlich gezeigte Szenenstudien besprachen, natürlich mit den sehr unterschiedlichen Geschmäckern eines erfahrenen Theaterprofessors und eines frischgebackenen Schauspielstudenten, schweiften wir gerne ins Welttheater oder ins Persönliche ab. Er zog mir den Zahn, dass im Ausland ja alles besser sei und machte mir vor wie Glenn Close damals auf der Bühne um Kevin Spacey herumtrampelte und Bernd damit einen seiner wenigen Theaterabende am Broadway gründlich vermieste. Ich hielt dagegen, dass ja an deutschen Filmsets viel weniger geprobt würde als an amerikanischen und man deswegen als Schauspieler im deutschen Fernsehen oft gar nicht anders könnte als eine schlechte Leistung abzuliefern. Die Liebe zum deutschsprachigen Theater aber teilten wir gleichermaßen und konnten uns meistens einigen, wenn wir bei Castorf oder Marthaler landeten. Wir besprachen die großen Klassiker der schwulen Weltliteratur, schwärmten von Thomas Mann und Jean Genet, und hin und wieder schaffte ich es Bernd dazu zu bringen seine pädagogische Textwahl zur Seite zu legen und lieber ein Stück Weg mit Tonio Kröger oder Querelle de Brest zu gehen.
Ich erinnere mich, dass er sich gerne über das Altern ausließ. Er fand es unglaublich aufgesetzt und unglaubwürdig, wenn große Schauspieldiven in Interviews vorgaben das Altern in vollen Zügen zu genießen und die nächsten Jahrzehnte gar nicht abwarten zu können. Altern ist einfach Sch***e, meinte Bernd, und zählte mir die diversen Körperfunktionen auf, die ab einem gewissen Alter plötzlich zickten. Interessanterweise sind ja Studenten eine beruhigendes Beispiel bei diesem Thema, da ich wie viele andere auch erst im Studium chronische Körperleiden entwickelt habe und so konnte ich bei dem Thema immer mit meinem recht frisch entwickelten Reizdarmsyndrom dagegenhalten.
Schließlich erinnere ich mich noch gut an die Gespräche über die DDR und wie viel einfacher viele Dinge damals funktionierten, nicht zuletzt das Flirten. Ich musste ihm zustimmen, dass ich im Gegensatz zu seinen Erfahrungen in der DDR noch keinen Mann im Vorbeigehen auf der Straße kenngelernt hatte. Ein Blick über die Schulter hat damals gereicht, höre ich ihn noch sagen. Über das Private entsponnen sich so rege Diskussionen über die Erfahrungen vieler Ostdeutscher, sich nach der Wende plötzlich in einem großen Markt wiedergefunden zu haben, in dem Eitelkeiten und Missgunst Ausdruck waren von einer Gesellschaft, die die Verfügbarkeit möglichst vieler Ressourcen und den ständigen Vergleich selbiger zur Staatsräson erhoben hatte. Die Neugier für den sozialen Normen widersprechende Erfahrungen und die Aufregung ungewisser intimer Momente mussten in so einer Welt zwangsweise die Nachsicht haben. Wir schlossen, dass dies eine Sache war, die das Theater heutzutage noch so relevant machten. Um Begegnungen zu kreieren und zu zeigen, die wir uns in einer sozial doch recht gleichgeschalteten Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen konnten.
Ich habe über die Jahre gemerkt wie sehr mich diese Gespräche beeinflusst und mein Weltbild und auch Geschmack geformt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte dir für die Aufmerksamkeit und Wärme danken, die du deinen Studenten stets entgegengebracht hast, Bernd. Ich weiß, dass ich dich vermissen werde.
Dein Christophe

6. Sebastian Schneider
Lieber Bernd Kunstmann,
Dass ich mit Worten, die deine große Liebe waren, nun versuche Dir gerecht zu werden ist nicht möglich, nicht im Ansatz. Wir lernten uns im Spätsommer 2011 kennen. Du fragtest mich: „Haben Sie schon einen Sprecherzieher?“, Ich antwortete: „Nein.“, Du sagtest „Dann müssen Sie wohl mit mir Vorlieb nehmen.“ Und ab dann hast Du es geschafft, eben diese Liebe zu den Worten, zu ihrem Klang, die Liebe für die Größe von Sprache, für die feinsten Regungen des Gefühls und der Gedanken, die hörbar, verstehbar und auf jeden Fall fühlbar werden, mit mir zu teilen. Du hast diese Liebe in mir erweckt, sie wachsen, sich ausbreiten und gedeihen lassen. Sie hat Bestand, auch jetzt, da du nicht mehr hier mit uns bist. Dafür bin ich Dir, lieber Bernd, sehr dankbar.
Wir begannen 2011 mit „Prometheus" von Friedrich Schiller und mit Wolfgang Borchert. 2012 begleiteten wir „Lenz“ von Büchner in die Berge und ärgerten uns, dass wir nicht auf dem Kopf gehen konnten. Daraufhin beerdigten wir „Julius Caesar“ als sein Freund Marc Anton von William Shakespeare. Du machtest mich mit der Lyrik von Stefan George bekannt. Du nahmst mich mit in "die Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke. Und dann immer wieder Thomas Mann, Dein Thomas Mann- wie z.B in Mynheer Peperkorn aus „der Zauberberg“. Und schließlich für mich ein großer Höhepunkt unserer Zusammenarbeit Jason aus „Medea“ von Hanns Henny Jahnn.
Wenn ich daran zurück denke, Bernd, dann bist du mir ganz nah. Ich sehe dich, vor mir sitzend, in der Probebühne 12. Hochkonzentriert- diese vornehme Konzentration, zu der Du fähig warst. Deine Geduld und vor allem deine Loyalität haben mich immer beeindruckt. Wenn Du dich für eine Zusammenarbeit entschieden hast, dann hast du sie verteidigt - vor Allem und Jedem. Diese Loyalität hörte auch mit dem Abschluss an der Hochschule nicht auf. Auch in den Jahren danach blieben wir im engen Austausch miteinander. Du besuchtest mich im Theater und ich lernte deine Begeisterung fürs deutsche Fernsehen kennen, indem ich zunehmend auftauchte. Du warst ein
harter Kritiker, Bernd. Aber niemals warst du verletzend oder zerstörend. Dir ging es immer darum nach Potenzial, Kraft und Entwicklung zu suchen, sowohl in der Kunst, als auch im Leben. Hinzu kamen deine vornehm-zurückhaltende Art und dein trockener Humor. Du wusstest, dass das zwinkernde Auge und die Leichtigkeit in schwierigen und in guten Zeiten die besten Ratgeber sind. Sehr gerne denke ich auch zurück an die gemeinsamen Abende im Altwien mit Deinen aktuellen Studierenden, zu denen wir Ehemaligen auch immer eingeladen waren, im Sommer zum Semesterabschluss. Und an die kleinen Weihnachtsfeiern mit Christstollen und Glühwein bei dir in der Höchsten Straße.
Lieber Bernd, du warst für mich Lehrer und Vertrauter, du hast mich bei meinen ersten Gehversuchen als Schauspieler unterstützt und mir – metaphorisch gesprochen – immer wieder die Hand gereicht, wenn ich hingefallen war. Du hast dich nie nur mit dem einfachen Handwerk des Schauspiels zufrieden gegeben. Politische und soziale Positionierung, Bildung und gesellschaftliches Interesse und Verständnis waren für dich untrennbar mit dem Beruf des Schauspielers verbunden. Darin hast du mich gefördert, gefordert und immer bestärkt. Ich bin sehr stolz und froh, dass ich dich kennen lernen durfte.
Für diesen Moment erst einmal Adieu und auf irgendwann,
Dein Sebastian
Student 2011-2015

(c) Antonia Bill