Interview mit Ruslán Viktorov zu seinem Regiediplom "was los josef k.?:/"
Premiere am 18. November 2026
Hallo Ruslán! Wie hat sich dein Weg zur Regie entwickelt?
Ich bin in einem Dorf in der Ukraine geboren und gehörte zu jener Gruppe von Jugendlichen, bei denen alle abwinkten, weil sie dachten, aus uns wird sowieso nichts mehr werden. Eines Tages kam mir die Idee, mich an der Schauspielschule zu bewerben. Während meines Studiums merkte ich aber, dass ich nicht nur auf der Bühne stehen wollte. Ich lebte inzwischen in Moskau, wollte die Schauspielausbildung abschließen und mich als Regisseur ausprobieren, aber dann begann der Krieg. Ich ging nach Deutschland und habe hier mit Regie noch einmal von vorne angefangen.
In deiner Inszenierung treffen Kafkas „Der Prozess“, eine Panikattacke und queere Erfahrungen aufeinander. Wie bist du auf diese Verbindung gekommen, und welche anderen Einflüsse haben die Inszenierung geprägt?
Als ich vor Jahren viel klassische Literatur las und in der Theaterschule Rollen aus klassischen Stücken spielte, tappte ich oft in eine gedankliche Falle bezüglich meiner Homosexualität. Queere Menschen kamen in der Literatur lange kaum vor.
Um die Bedeutung von Liebe zu begreifen, muss man den heteronormativen Standards nicht entsprechen – das wusste ich als Teenager aber noch nicht. Als Jugendlicher in einer homophoben Gesellschaft musste ich vieles verbergen, ich lernte bald „unerwünschte Teile“ von mir abzulehnen. Doch etwas in mir brauchte Zeugen in oder aus der Literatur, zumindest für mein inneres Gericht. Also begann ich, mir Dinge dazuzureimen. Was, wenn Horatio so ist wie ich? Was, wenn Fürst Myschkin… Was, wenn sie ebenfalls ihre Sexualität verbergen müssen und der Autor mir wegen der Zensur geheime Zeichen hinterlassen hat, die ich entschlüsseln muss?
Das sind natürlich Fantasien, geboren aus Einsamkeit und Isolation. Aber so kam mir die Stückidee: ein Rätsel-Stück, ein Entschlüsselungs-Stück. Eine Fantasie eines einsamen Menschen, der vieles verbirgt und etwas Schreckliches überlebt hat.
Dafür bietet „Der Prozess“ ein reiches Umfeld. Eine Figur, die grundlos verhaftet wird, die gegen ein unsichtbares Gericht kämpft und versucht, ihre Unschuld zu beweisen – eine Unschuld, die sich unmöglich beweisen lässt, denn einmal verhaftet, bleibt man für immer Angeklagte:r. Das hat etwas von der Signatur eines Traumas.
Für mich ist das Theater immer eine Metapher, ich sehe das eine und erkenne darin etwas anderes; wenn etwas auf der Bühne dem Leben gleicht, wenn das Leben sich reimt. Natürlich hat Kafka es so nicht geschrieben und gemeint, aber ich lebe gern in der Illusion, dass er vielleicht nichts dagegen hätte, mir seine Geschichte zu leihen.
Eine Panikattacke ist doch genau das: Ein Trigger setzt einen Prozess in Gang, den man weder stoppen noch voraussehen kann, nicht wann er endet, noch wann er von vorn beginnt. Für mich ist das alles ein durchgehender Reim.
Mit welchem künstlerischen Konzept bist du an „was los josef k.:/?“ herangegangen, und wie hast du dieses gemeinsam mit Jule Martenson auf der Bühne umgesetzt?
Wir haben mit Jule viel und lange nachgedacht. Immer wieder, bis heute. Wie erzählt man von einem Trauma, wenn ein Trauma keine Geschichte hat, wenn die subjektive Erfahrung so hermetisch ist, zeitlos? Wenn das Trauma im Grunde schweigen will, wenn es keine Sprache besitzt, keinen Namen kennt und einem trotzdem wie ein langsames Gift die Lebenskraft raubt – vor allem dann, wenn es verschwiegen, stigmatisiert und verurteilt wird. Für Jule und mich war es wichtig, ein System zu schaffen, das in seinem Mechanismus der Dynamik einer traumatisierten Psyche ähnelt: einer Psyche, die keine Geschichten hat, nur schwer zu benennende Fragmente – und für die es überlebenswichtig scheint, weiterzuarbeiten.
Es ist wichtig, den Gedanken loszuwerden, dass die Vergangenheit beschämend und furchteinflößend ist – selbst dann, wenn dort die grausamsten Dinge geschehen sind. Man muss Witze machen, lachen, sich freuen. Im Film „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ gibt es ein magisches Wesen namens „Boggart“ (Irrwicht), das sich in einem Schrank verbirgt und jedem Menschen in der Gestalt erscheint, die er/sie am meisten fürchtet. Die Schüler:innen lernen dort einen Zauberspruch, der das Schrecklichste in etwas Lächerliches verwandelt und. Nach so einem Zauberspruch suchen wir.
In deiner Arbeit verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fiktion. Was interessiert dich an diesem Spannungsfeld?
Dass ich nun mal so lebe. Und nicht nur ich: Ich kenne andere Menschen, in deren Köpfen ein ziemlich gehaltvolles Durcheinander herrscht. Was ist schon die Gegenwart – das ist doch im Grunde nur eine gut wiedererkennbare Vergangenheit. Es ist sehr schwer, das eigene Gehirn dazu zu bringen, neue Informationen und neue Erfahrungen wahrzunehmen, und wenn einen das Leben ordentlich durchgeschüttelt hat als Kind, tja, dann wird es diesen Menschen eben auch in Zukunft ständig durchschütteln. Solche Leute interessieren mich. Ich fühle mit ihnen, ich möchte mit ihnen und über sie reden. Ich bin ja selbst so einer.
Und was ist dabei Vergangenheit, Gegenwart, Realität, Fiktion? Das sind Wörter wie Aufkleber auf Kartons, labels, von Mensch zu Mensch verschieden, niemand kennt den Inhalt so genau. Das hängt mit der Frage zusammen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert. Warum können Gerüche einem das Herz zuschnüren? Warum kann ein Song im Kopfhörer fast wie eine Zeitmaschine sein? Warum will ich mich verteidigen, obwohl es nichts zu verteidigen gibt? usw. Klar, ich kenne inzwischen ein paar Antworten aus Bücher über Neurobiologie. Aber das reicht nicht. Theater gibt mir irgendwie die Möglichkeit, das zu Ende zu sprechen, was sich nicht sagen lässt. Weiterzuschreiben, weiterzuzeichnen
was los josef k.?:/
Eine Panikattacke nach F. Kafka "Der Prozess" und R. Goetz “Hirn”
Regie: Ruslán Viktorov
MI 18.11.26 / Premiere
DO 19.11. - MO 23.11.26
je 19.30 Uhr
Bühne UNTEN HfS Ernst Busch
