Interview mit Sarah Elisabeth Braun zu ihrem Regiediplom "Psychose 4.48"
Premiere am 29. Oktober 2026
Hallo Sarah! Wie war dein Weg zum Theater?
mein weg zum theater war irgendwie durchwachsen. auch jetzt noch, nachdem ich selber gespielt, drei jahre als regieassistenz gearbeitet und letztendlich regie an der hfs studiert habe, frage ich mich manchmal, ob ich hier richtig bin.
ich bin ohne große finanzielle ressourcen aufgewachsen, aber meine mutter hat immer dafür gesorgt, dass ich einen zugang zu darstellender- und auch bildender kunst bekomme. ich war als kind viel im theater. da habe ich früh die erfahrung gemacht, was es bedeutet, als nicht-zugehörig gelesen zu werden, und habe im zuge dessen kompensationsmechanismen entwickelt. ich glaube, mit dem theater verbindet mich eine hass-liebe. ich hasse, das die räume größtenteils so gestaltet sind, das meiner geschwister sich nicht willkommen fühlen. da wirken unterschiedlichste mechanismen zusammen, aber ich denke, man kann das am besten mit race & class zusammenfassen. und deren intersektion. und dann haben wir es im stadttheater natürlich oft auch mit einer top-down und damit inherent patriarchalen logik zu tun. und auch das hasse ich. aber es gibt auch ne andere seite. als regisseurin bin ich ja in der position zu entscheiden, was passiert und wie der raum strukturiert ist. and this can also be a blessing as a black women in this time & space.
es gibt auch vieles, das ich am theater liebe! theater wird sich nicht durch ai ersetzen lassen. theater lebt vom live moment.
theater entzieht sich liberalen verwertungslogiken, weil man es letztendlich dann doch nicht auf seinen marktwert reduzieren kann. theater muss - im besten fall und im fall der deutschsprachigen hoch-subventionierten regietheatertradition - keinen sinn ergeben. man darf absurdes ausprobieren. gemeinsam phantasien erproben, die völlig verrückt erscheinen. theater darf einfach nur schön, oder komisch oder auch selbstreferenziell sein, und ich glaube, darin liegt viel kraft.
Mit Sarah Kanes “4.48 Psychose” hast du dir einen sehr bekannten Text ausgesucht. Was hat dich an dem Stoff interessiert?
ich habe mich schon mehrfach mit sarah kanes texten beschäftigt und mich immer dagegen entschieden, eins ihrer stücke zu inszenieren, weil ich das gefühl hatte, keinen authentischen zugriff zu finden. dann musste ich 4.48 für ein seminar erneut lesen und als ich es dieses mal aufgeschlagen habe, musste ich sehr viel lachen.
ich glaube, dieses textfläche hat - trotz all der tragik, dem ringen, der verzweiflung - ein unglaubliches komisches potential. und das hat mich berührt. ich kenne das selber von mir. in anbetracht einer absurden, sehr traurigen situation lachen müssen. sich selbst und die eigene situation auch selbstironisch betrachten können. menschen finden, die einen darin verstehen. der text hat für mich bis ganz zum schluss eine starke suchbewegung. immer noch auf der suche nach hoffnung und verbindung- trotzdem allem.
ich erkenne darin vieles wieder, das mich oder meine freund*innen beschäftigt.
und ja, der text ist sehr politisch. es geht immer auch um das strukturelle. die krankheit wird in der (westlichen) gesellschaft verortet. das resoniert mit mir.
Mit welchem Konzept gehst du an die Inszenierung ran? Mit wem arbeitest du zusammen?
ich arbeite mit Helen Waeder (dramaturgie), Chani Lehmann (bühne&kostüm) und Lila-Zoe Krauss (musik&sound) zusammen, und es ist toll. konzept idk > come watch it & find out :o
Zuletzt warst du mit “Dreaming Emmett” zum Körber Studio Junge Regie 2026 eingeladen, ein Stück, das den Mord an einem schwarzen Jungen thematisiert. Welche schwarze Perspektive bringst du jetzt mit “4.48 Psychose” auf die Bühne?
ich glaube, 4.48 Psychose steht für sich. jeder mensch ist eingeladen, die inszenierung für sich zu interpretieren und auf sich wirken zu lassen.
da Sarah Kanes texte nicht verändert, angepasst oder umgestellt werden dürfen, kann man die setzung eigentlich nur durch das casting beeinflussen.
im zentrum meiner inszenierung steht eine Schwarze spielerin - meine eigene perspektive ist eine Schwarze cis weibliche. und das spielt natürlich eine rolle. ich kann garnicht anders, als den text durch mich zu erleben. meine realität ist geprägt von machtstrukturen, white suprpremacy und anti-blackness. dinge, die sich ganz konkret in form von physischer und psychischer gewalt an meinen geschwistern und mir entladen. aber die systemische und strukturelle gewalt ist meiner meinung nach verheerender. sie macht verrückt. sie treibt in den suizid. sie ist verantwortlich für gefühle von hilflosigkeit und wertlosigkeit. und sie wirkt stetig weiter. sie ist außerdem schwerer zu beschreiben und zu greifen. einen teil dieser erfahrungen sehe ich in 4.48 Psychose abgebildet. aber es würde dem text nicht gerecht werden, sich nur darauf zu beziehen. es geht auch einfach um liebe. um hoffnung. um lust und um momente der ekstase als gegenentwurf zu apathie und hoffnungslosigkeit.
einer der letzten sätze aus 4.48 lautet:
„Wem ich nie begegnete, das bin ich, sie mit dem Gesicht eingenäht in den Saum meines Bewusstseins..“
für mich persönlich ist das sehr zentral und eng mit der erfahrung von rassifizierung verknüpft.
wer bin ich, wenn ich mich nicht ständig von außen betrachte und immer versuche, keinem rassistischen stereotype zu entsprechen?
wer bin ich, wenn ich mich den blicken entziehe und meinen eigenen blick zentriere.
geht das überhaupt?
ich würde es gerne herausfinden.
nicht zuletzt deshalb mache ich diesen stoff. schon im vorbereitungsprozess der inszenierung hat sich mein blick auf mich selbst verändert. ich kann mich besser sehen.
und dafür danke & shout out an sarah kane.
may she rest easy.
Psychose 4.48
von Sarah Kane
Regie: Sarah Elisabeth Braun
DO 29.10.26 / Premiere
FR 30.10. - DI 3.11.26
je 19.30 Uhr
Bühne UNTEN HfS Ernst Busch
