Prof. Anja Kerschkewicz im Interview

Anja Kerschkewicz wurde zur Gastprofessorin „Kollektives Arbeiten“ berufen. Im Interview stellt sie sich vor.

(c) Paula Reissig

Anja Kerschkewicz, Sie haben Bühnen- und Kostümbild an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und Szenografie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe studiert sowie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ein Regiestudium abgeschlossen. Stellt Ihr multiples Handwerk eine Voraussetzung dafür dar, sich besser in kollektive Arbeitsprozesse hineindenken zu können?

Die unterschiedlichen Perspektiven, die ich durch die Ausbildungen eingenommen habe, sind hilfreich dafür, dass ich mich in arbeitsteiligen Theaterprozessen gut in andere Gewerke hineindenken kann. Jede*r hat ja einen anderen Fokus und steht vor anderen Herausforderungen. Und manchmal kommt es in Stresssituationen, bei knappen Zeit-Ressourcen dazu, dass zuallererst bei der Kommunikation gekürzt wird und Missverständnisse entstehen. Dabei spielen unbewusste Hierarchien zwischen den Gewerken eine Rolle, die es zu durchbrechen gilt. Ich denke, es ist keine Voraussetzung, ein multiples Handwerk erlernt zu haben, um kollektiv zu arbeiten. Was es braucht, ist das Interesse, immer wieder aus der eigenen Perspektive herauszutreten und sich in andere Perspektiven und Arbeitsbereiche hineinzuversetzen.

 

Wann waren Sie das letzte Mal in einer kollektiven Theaterarbeit und Feuer und Flamme vor Begeisterung?

Der Probenprozess zur Performance Care Affair von „Frauen und Fiktion“ hat großen Spaß gemacht. Wir waren ein tolles Team und haben alle für das Thema Care-Arbeit gebrannt. Und natürlich für die Idee, die oft abgewertete Care-Arbeit in und mit unserer Performance zu feiern. Das besondere an den Proben von „Frauen und Fiktion“ ist für mich, dass unser Textmaterial mit den realen Lebenserfahrungen der Menschen verbunden ist, die uns diese Texte in Interviews geschenkt haben. Deshalb sind die Interviewpartner*innen auch immer Teil des Prozesses der kollektiven Autor*innenschaft, die unsere Arbeiten prägt. Und das persönliche Highlight ist für mich immer, wenn die Interviewpartner*innen als Zuschauer*innen zur Performance kommen und sich damit identifizieren können.

 

Wie offen ist die Theaterlandschaft bereits für kollektive Theaterarbeit und alternative Intendanz-Modelle?

In der Freien Theaterszene ist das kollektive Arbeiten weit verbreitet und nach meinem Empfinden im gleichen Maße vertreten wie Werke von Regisseur*innen oder Choreograph*innen. Was die Stadttheater angeht, nehme ich eine Offenheit und Lust wahr, klassische Intendanz-Modelle und Ensemble-Zusammensetzungen in Bewegung zu bringen. Es werden immer wieder Versuche gestartet, sich in Richtung flacherer Hierarchien zu bewegen und mit mehr Mitbestimmung zu arbeiten. Und sicher ist das historisch gesehen nicht das erste Mal, dass das passiert. Auch wenn diese Versuche hier und da noch hinter ihren eigenen Erwartungen zurückbleiben, werden sie in der langfristigen Perspektive die Theaterlandschaft verändern und zu mehr Diversität führen, nicht nur in Bezug auf die Personalbesetzung, sondern auch hinsichtlich Ästhetiken und der damit verhandelten Themen.

 

Welchen Beitrag kann eine Hochschule zur Entwicklung von kollektiver Arbeit auf und hinter der Bühne leisten?

Kollektives Arbeiten als einen Schwerpunkt in der Theaterausbildung zu etablieren, kann großen Einfluss auf das Selbstverständnis junger Theaterschaffender haben. Das Studium sollte als Inspirationszone funktionieren, wo Ideen jenseits vom existenziellen oder ökonomischen Druck ausprobiert und künstlerische Verbindungen geknüpft werden können. Ich fände es schön, wenn Studierende die Hochschule nicht nur mit einem Verständnis von sich als Solokünstler*innen verlassen, sondern sich bereits als Teil verschiedener Kollektive erprobt haben und mit ihnen gemeinsam in die Theaterlandschaft starten. Das geschieht wahrscheinlich schon längst, ohne dass es eine Gastprofessur für kollektives Arbeiten gibt. Ich denke, der Beitrag der Hochschule ist es, durch die Gastprofessur für kollektives Arbeiten mehr Zeiträume, Labore, Seminare und Ähnliches zu ermöglichen, in denen eine explizite Auseinandersetzung mit dem Fokus auf kollektives Arbeiten stattfinden kann.

 

Welche praktischen Erfahrungen in der kollektiven Theaterarbeit werden Sie in Ihre Arbeit an der HfS Ernst Busch einbringen?

Einerseits bringe ich meine Erfahrungen mit dem Performancekollektiv „Frauen und Fiktion“ ein. Da wir ein Kollektiv sind, das hauptsächlich hinter der Bühne arbeitet – also gemeinsam das Konzept entwickelt und recherchiert und dann arbeitsteilig in einzelnen Gewerken weiterarbeitet und die Entwurfsprozesse eng ineinander verzahnt – sollen solche Prozesse des kollektiven Arbeitens in Seminaren und Laboren eine Rolle spielen. Andererseits habe ich durch meine kuratorische Arbeit mit der Nachwuchsplattform WE PRESENT am LICHTHOF Theater und beim Festival der Freien darstellenden Künste Hamburgs, Hauptsache Frei, viele Verbindungen zu anderen kollektiv arbeitenden Künstler*innen und möchte Impulse aus ihrer Arbeit aufnehmen und sie einladen, diese an die Studierenden weiterzugeben. Es wird auf jeden Fall viel um Kommunikation gehen.

 

Worauf freuen Sie sich besonders in der Zusammenarbeit mit den Studierenden?

Ich bin sehr gespannt auf die Perspektiven der Studierenden. Die gesellschaftspolitischen Diskurse haben sich in den letzten Jahren rasant verändert. Diskriminierungs- und Rassismus-Kritik sind auf der Tagesordnung und die Lehrinhalte bzw. ‑strukturen werden von den Studierenden kritisch durchleuchtet. Das gefällt mir und ich habe den Eindruck, dass ich auch noch einiges von ihnen lernen werde. Außerdem freue ich mich natürlich darauf zu sehen, wie die Impulse zum kollektiven Arbeiten aufgenommen werden und was daraus entsteht.

 

Welche Schwerpunkte werden Sie zum Start Ihrer Gastprofessur setzen?

Ich möchte zunächst einen Schwerpunkt auf die Theaterarbeit mit dokumentarischem Interviewmaterial legen, da ich mich in den letzten Jahren in der Praxis mit „Frauen und Fiktion“ darauf fokussiert habe. Zudem möchte ich mir mit den Studierenden unterschiedliche Aspekte und Tools des kollektiven Arbeitens anschauen, indem wir uns mit verschiedenen Kollektiven aus der aktuellen Theaterlandschaft befassen. Dabei beschäftigen wir uns mit der Frage „Einfach kollektiv?“ Das heißt: Wie einfach ist es, im Kollektiv zu arbeiten? Wie kommen wir dahin, dass es einfach ist? Wie arbeiten wir auf Augenhöhe oder mit flachen Hierarchien? Wie teilen wir Macht – und damit Verantwortung? Wie gelingt eine gleichwertige Identifikation aller Beteiligten?